Was ist ZEN?

Wenn es eine Wahrheit gibt, die für jeden Menschen gilt, dann ist es die Wahrheit, dass wir alle Leiden vermeiden und Zufriedenheit sowie persönliche Erfüllung erhalten wollen.

 

Doch wir alle suchen in Wirklichkeit nach etwas, dass wir nie verloren haben. Denn wie könnte man etwas verlieren, das man selbst ist? Wenn die Illusion „Ich“ durchschaut wird, werden alle leidschaffenden Illusionen durchschaut und der Mensch erkennt sein wahre Natur deren Ausdruck im Körper-Geist-System die alles umfassende Liebe, dauerhafter Frieden und unbegrenzte Freude ist.

 

Alle Vorstellungen davon, dass es da jemanden gibt, der eine freie Wahl hat oder etwas tun muss um glücklich zu sein, verhindern das Erkennen der wahren Natur unseres Seins.

 

Die Frage ist weniger wo Du suchen musst, sondern vielmehr eine Frage von wo aus Du schon immer gesucht hast. Was Du als „Ich“ bezeichnest, ist nur ein gedankliches Konstrukt.

 

Doch so wie der Herzschlag, der Stoffwechsel und die Verdauung von Augenblick zu Augenblick geschehen, ohne das Du etwas tun musst, geschieht auch Denken ganz ohne einen Jemanden, der etwas tut. Diese Erkenntnis ist Befreiung.

Mumons ZEN Warnungen

Regeln und Vorschriften befolgen heißt, sich selber binden ohne Strick. Spontan und schrankenlos handeln ist teuflisch und ketzerisch. Nur auf das Innere zu achten, um es zu reinigen und in der Stille zu verschwinden, ist das falsche Zen des stummen Leuchtens. Wer ursächliche Zusammenhänge willkürlich ignoriert, gerät in eine tiefe Fallgrube. In der absoluten Klarheit ohne jede Dunkelheit zu verweilen, heißt ein Joch mit Ketten tragen. An Gutes oder Böses denken, heißt in Himmel und Hölle sein. Vorstellungen über Buddha oder Dharma hegen, heißt in zwei eisernen Bergen gefangen sitzen. Des aufkommenden Bewusstseins sofort innewerden, heißt die Geisteskraft verplempern. Im stillen Sitzen bloß Konzentration zu üben, ist Teufelswerk. Wer strebsam vorwärts geht, verfehlt den Kern der Sache. Wer rückwärts geht, veruntreut den Zen-Geist. Wer weder vorwärts noch rückwärts geht, ist ein atmender Leichnam. Nun sagt mir, was ihr tun wollt! Bemüht euch mit letzter Kraft, in diesem Leben vollkommene Erleuchtung zu erlangen! Und bleibt nicht ewig in eurem Unglück hocken!

 

Mumons Zen-Warnungen (Zitat Mumonkan, Kösel Verlag)

 

Welch erheiternde Worte der Warnung

treffsicher und mitten ins Ziel.

Hat der alte Schelm am Ende

doch noch mal Verwirrung gestiftet.

Wer die Oberfläche durchstößt

spricht nicht mehr von Erlangen,

noch von Glück oder Unglück.

 

Hei San

 

"Ein Donnerschlag bei klarem, blauem Himmel.

Alle Wesen auf Erden haben ihre Augen geöffnet.

Aller Welten Dinge haben sich sogleich verneigt.

Und der Berg Sumeru springt auf und tanzt."

 

www.mumon.de

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Was ist das wesentliche Koan des Zen?

Mit dreiundzwanzig Jahren begegnete Wanshi ZEN-Meister Tanka Shijun. Dieser Meister fragte ihn:

 

„Was ist dein wahres Ich vor dem Kalpa der Leere?“ Das bedeutet: Was ist die Essenz deiner Existenz jenseits deines beschränkten Egos?

Diese Frage wurde offensichtlich nicht nur Wanshi gestellt. Sie ist das wesentliche Koan unserer Praxis. Wanshi antwortete:

 

„Ein Frosch am Grund des Brunnens verschluckt den Mond. Um Mitternacht leihe ich keine Laterne aus.“ Tanka schlug ihn, während er erwiderte: „Du sagst, dass du nicht ausleihst?“ Und Wanshi erwachte.

 

Tanka fragte: „Warum sagst du nichts?“ Wanshi antwortete: „Heute habe ich Geld verloren und ich wurde bestraft.“ Tanka schloss: „Ich habe keine Zeit, um dich zu schlagen.“

 

Das bedeutet: Ich brauche dich nicht mehr schlagen. Später erhielt Wanshi das Shiho von Meister Tanka. Er ließ sich im Kloster des Tendo-Bergs nieder, Tendo San, wo Meister Dogen ein Jahrhundert später Meister Nyojo traf.

 

Der Frosch am Grund des Brunnens seid ihr und ich hier und jetzt. Wie kann er den Mond verschlucken?

Logisch betrachtet ist dies nicht möglich, aber wenn wir den Geist aufgeben, der Trennungen schafft, der sich als klein ansieht, wo der Mond doch so groß ist, der sich hier sieht, wo der Mond dort ist, der denkt, dass die Buddha-Natur etwas ganz anderes als man selbst sei, wenn wir diesen Geist aufgeben, dann brauchen wir nicht einmal mehr den Mond verschlucken, wir brauchen ihn nicht ergreifen zu wollen, weil er es ist, der auf uns zu kommt.

 

Jeder muss dies selber realisieren. Selbst wenn wir die Laterne von jemand anderen borgen, muss am Ende jeder selber in der Lage sein, sein eigenes Leben zu erhellen, genauso wie Tokusan, dessen Laterne Ryutan löschte, als er sie ihm zeigte.

 

Obwohl die Essenz des Zen in unserer Zazen-Praxis vollständig enthalten ist, helfen uns das Beispiel und die Unterweisung der alten Meister den wahren Sinn unserer Praxis zu offenbaren.

 

Selbst wenn wir uns zeitweise von ihnen ihre Laternen borgen, haben wir es doch nicht nötig, irgendetwas auszuleihen, wenn wir zur Erfahrung, die sie weitergegeben haben, zurückkehren.

 

Und selbst wenn man Geld verliert, ist man dennoch nicht arm.

 

ZEN-Meister Roland Yuno Rech

 

Das höchste Ziel

Der Sinn des Lebens

Das höchste Ziel des Menschseins, ist die stille Zufriedenheit des Seins. Was meine ich damit? 

Egal welche Ziele ein Mensch verfolgt, ob es sich dabei um materielle oder spirituelle Ziele handelt, schlussendlich geht es immer nur um eine Sache: 

Er möchte inneren Frieden und Freude erfahren. Nehmen wir zum Beispiel meinen besten Freund, der selbst nicht Zen oder einen ähnlichen spirituellen Weg praktiziert. 

Vor kurzem erzählte er mir, dass er sein Abendstudium zum Betriebswirt beendet und nun in der Firma so richtig Gas geben will. Ich fragte ihn aus welchem Grund er das wolle und ob es ihm, wie allen Menschen, doch schlussendlich nicht um das eine große Ziel des Menschen in Form des inneren Friedens oder der inneren Zufriedenheit gehen würde. 

Er antwortete mir, dass er viel Geld verdienen und reich werden wolle. Ich ließ nicht locker und fragte weiter, warum er viel Geld verdienen und reich werden wolle. So kamen wir von „dann kann ich mir einen teuren Sportwagen leisten“ zu „dann kann ich richtig schnell damit fahren“ zu „das gibt mir einen richtigen Kick“ zu „dann fühle ich mich richtig frei“ zu „Ich möchte Zufriedenheit und Freude erleben“. 

Also, das höchste Ziel eines jeden Menschen ist innere Zufriedenheit. Das phantastische daran ist, dass wir dieser Frieden bereits sind. 

Es ist als wäre die Suche nach diesem Frieden, der wir sind, in unserem System angelegt. Jeder Mensch sucht danach, was er in Wirklichkeit schon ist. 

Es ist, als gehörte diese Sehnsucht zum göttlichen Plan, damit wir alle zurück finden zu dem, was wir schon immer waren. Wie eine Art inneres Navigationssystem, dass uns zurück ruft. 

Doch aus irgendeinem Grund, fing der Verstand an diese Sehnsucht mit allerlei Wünschen zu interpretieren. 

Doch jeder Wunsch, den wir an der Oberfläche wahrnehmen, lässt sich in der Tiefe bis zu dieser Sehnsucht nach Zufriedenheit zurückverfolgen. 

Wenn der Mensch dies erkennt, kann er aufhören, den oberflächlichen Wünschen nachzujagen. Stattdessen reicht es aus, zu erkennen, dass wir schon sind was wir suchen. 

Auf diese Weise können wir das Leben in Gelassenheit, Ruhe und Gleichmut leben. Und sollte uns langweilig werden, können wir noch immer dem ein oder anderen Wunsch hinterherlaufen. Nur so zum Spaß. 

Aus dem Buch "ZEN - Erleuchtung und andere Missverständnisse

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Auf dem Rummelmarkt

Das Karussel (Karl Renz)


Willkommen! Willkommen auf dem Jahrmarkt! Wie ich sehe, sitzt du schon auf dem Karussel! Toll, wie du fährst! Du hast einen schnittigen Wagen. Du hast ein Gaspedal. Du kannst sogar bremsen. Aber vor allem hast du ein Lenkrad. Damit kannst du mächtig kurbeln, und das tust du auch. 


Komischerweise geht es immer nur im Kreis. Du lenkst nach links und nach rechts und bremst und tust, aber es geht immer nur in eine Richtung.

So lenkt dein Ich. Das sogenannte Ego. 


Es lenkt nach links, es lenkt nach rechts, und ist nicht immer ganz zufriedenmit dem Ergebnis. "Ich sehe mal nach den anderen", denkt es. "Wie fahren denn die? Wie stellt der da drüben sich an?" 


Der legt sich entschieden mehr in die Kurve. Das machst du nun auch. Aber es geht weiter im Kreis. Ab und zu hält das Karussell. Kurze Pause. Die Tibeter nennen es " Bardo". Dann suchst du dir ein anderes Fahrzeug. "Vielleicht nehme ich auch mal das Pferd. Jetzt reite ich mal `ne Ecke. 


Wahrscheinlich ist das meine Bestimmung!" Sehr klug von dir. Oder richtig weise: Du nimmst den kleinen Roller, weil du nach all den ermüdenden Runden voller Demut und Bescheidenheit bist. 


Ja, dein Ich ist bei all der Kurbelei mächtig gereift. Und wenn du mal zufällig in die gleiche Richtung lenkst, wie das Karussell fährt, kannst du endlich triumphieren: "Wow, das habe ich aber gut gemacht! Ich glaube, jetzt habe ich es raus!" 


Nun hast du entdeckt, wie die ganze Sache funktioniert. "Ich habe voll die Kontrolle, seht mal her!" Du befindest dich in Harmonie mit dem Kosmos, in Übereinstimmung mit der Schöpfung. Ein derartig stimmiges Ich lenkt genau so, wie das Karussell fährt. "Seht doch mal, wie ich lenken kann! Das ganze Karussell bewegt sich, weil ich so lenke! Hier, ich, hierher sehen!" 


Wenn du die Kunst so unvergleichlich beherrscht, kannst du sogar den anderen sagen, wie sie fahren müssen. "So müßt ihr`s machen! Wie ich!" Jetzt bist du ein voll erwachter Fahrer. "Ihm nach", rufen ein paar andere begeistert. Am besten, du übernimmst gleich den Bus: "Alle bei mir einsteigen und hinter mich setzen! Ich bin eins mit dem Karussell!" 


Dann bist du ein Guru. Wenn du mehr im Stillen wirken willst, kannst du natürlich auch andere wichtige Aufgaben übernehmen, zum Beispiel das Feuerwehrauto fahren. Oder den Krankenwagen. Oder du fährst einfach hinter dem Krankenwagen her, sicherheitshalber.


Wichtig bei alledem ist nur, daß du den Überblick behältst. Dass du im richtigen Moment Gas gibst und im richtigen Moment bremst. Und vor allem, dass du mit größtem Gechick lenkst. 


Das hilft allen. So hältst du nicht nur dein Fahrzeug perfekt auf dem Weg. Du trägst zur gelungenen Fahrt des gesamten Karussells bei! Wenn nur jeder so fahren würde! Du hast alles im Griff.


Bis du einmal versehentlich den Lenker loslässt. Nanu! Jetzt wunderst du dich. Es geht ja auch von allein! Das Ding fährt von selbst! Stimmt. 


Es fährt selbst. Das Selbst fährt. Du brauchst dich nicht anzustrengen. Du kannst dich zurücklehnen und genießen.


Es geht immer direkt ins Glück.

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Hannya Shingyo Teil 6

Der letzte Abschnitt des Hannya Shingyo beschreibt, wie wichtig diese Lehre für den Suchenden ist und wie sie angewendet wird: 

 

„Man muss daher verstehen, dass diese Weisheit die große universale Lehre ist, die große, glänzende, höchste und unübertreffliche aller Lehren, die unvergleichliche Lehre, die alles Leiden beendet, denn in der echten Wahrheit gibt es keinen Irrtum. Und deshalb besagt die Lehre von der Höchsten Weisheit: “Lasst uns darüber hinaus gehen, alle gemeinsam, darüber hinaus und noch jenseits des Darüber-Hinaus, an das Ufer des Satori.” 

 

Wie wird jemand zum Suchenden? In unserer Kindheit leben und spielen wir von Augenblick zu Augenblick. Es gibt keine Gedanken, die uns beeinflussen oder hindern! Die Identifikation mit dem denkenden Verstand, hat sich noch nicht so verfestigt. 

 

Wenn wir Hunger haben schreien wir, wenn wir spielen, spielen wir. Es besteht nicht die Notwendigkeit nach irgendetwas zu suchen, da wir in der natürlichen Nicht-Getrenntheit leben. 

 

Dann irgendwann erkennen wir in unserer Bezugsperson, im Regelfall Mutter und Vater, ein anderes Individuum und erkennen uns selbst plötzlich als getrennt von allem anderen. 

 

Aus dieser Erkenntnis entwickelt sich das scheinbare Ego, das verletzt werden kann und das beschützt werden muss. Wir handeln plötzlich im Begreifen von „Ich“ und „Mein“ und die leidvolle Täuschung in Form der Identifikation beginnt. 

Je älter wir werden, desto stärker wird das Gefühl getrennt zu sein und diesen „Jemand“, für den wir uns halten, beschützen zu müssen. 

 

Doch diese Illusion der Trennung muss zwangsläufig Leiden nach sich ziehen. Denn selbst wenn es uns so richtig gut geht, wollen wir diesen Zustand behalten und haben unterschwellig Angst das positive Gefühl, den Partner oder was auch immer, wieder zu verlieren. 

 

So begeben wir uns auf die Suche nach der Einheit. Zunächst vielleicht noch im materiellen oder immateriellen Bereich, wie zum Beispiel ein teures Auto oder Erfolg im Beruf. 

 

Doch wenn wir erkennen, dass uns diese Dinge niemals dauerhaft befriedigen können, suchen wir im religiösen, esoterischen oder spirituellen Bereich nach der Lösung für das Leiden, das darin besteht, dass wir uns getrennt fühlen. 

Doch erkennen viele Menschen das Leiden gar nicht als Leiden. Sie haben aufgegeben und denken, dass das leidvolle und unbefriedigende Dasein nun einmal das Leben ist. 

 

Es gibt aber einige wenige, die sich damit nicht zufrieden geben wollen und einen Weg suchen, dauerhaften Frieden, den sie glauben verloren zu haben, wieder zu finden. 

 

Aber: dieser Frieden und die freudige Gelassenheit sind immer gegenwärtig. Wenn wir aufhören zu suchen, zeigen sie sich ganz von allein als unsere wahre Natur. 

 

Ganz still und leise sind sie, weshalb wir sie im Alltag, durch die uns umgebenden Ablenkungen, völlig überhören. Jedoch kann uns der konditionierte Verstand, mit all seinen Vorstellungen, Meinungen und Denkgewohnheiten, nicht helfen unser wahres Selbst zu finden! 

 

Denn die Identifikation mit diesem, sich verselbständigendem Ego-Verstand, ist es ja gerade, die uns in der Trennung und damit im Leiden hält. So sagt das Mantra oder die Affirmation am Ende dieses Textes: „Lasst uns darüber hinaus gehen, alle gemeinsam, darüber hinaus und noch jenseits des Darüber-Hinaus, an das Ufer des Satori.” 

 

Wir müssen über alle Erkenntnisse, die wir glauben gemacht zu haben, hinaus gehen, um das Satori zu verwirklichen. Sobald wir glauben etwas verstanden zu haben, können wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass es „das“ nicht ist! 

 

Erst wenn wir erkennen, dass es da kein Gefängnis und rein gar nichts zum festhalten gibt, geschieht Loslassen ganz von allein. 

 

Wir gehen an das Ufer des Satori, da wir von da an einfach mit dem Fluss der Leerheit und des Satori mit fließen. Wir können aufhören zu tun und zu machen und die Dinge einfach ihren Lauf nehmen lassen. 

 

Selbstverständlich heißt das nicht, sich nicht zu engagieren oder sein Mitgefühl mit allen Wesen auszudrücken. Der nihilistische Gedanke „Dann hat ja alles gar keinen Sinn!“ ist nur ein vom Ego-Verstand produzierter Gedanke und hat mit unserem wahren Sein nichts zu tun. 

 

Wir müssen darüber hinaus gehen und erkennen, dass wir, egal wer wir sind, unseren Platz in diesem göttlichen Spiel haben. Wir müssen endlich ganz und gar erwachsen und selbstständig werden und mit Hilfe unserer Intuition uns dem Leben völlig anvertrauen. 

 

Wir springen in den Fluss des Satori und es bleibt kein „Jemand“ mehr übrig, der etwas für sich selbst tut. Alles geschieht, wenn es geschieht, weil es geschieht. Es gibt nichts zu tun und niemanden der etwas tun könnte. Und doch gibt es die scheinbare Sebstverantwortung und das Mitgefühl mit allen Wesen, die durch die Illusion und Täuschung noch in Ihrem Leiden gefangen sind. 

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Ein Zen Gedicht

Der Erfahrung der höchsten Wahrheit anzuhaften oder die Identifikation mit der durchschauten Täuschung aufrecht zu halten, beides führt zu Illusion und Leiden. 

 

Den Verstand mit dem Verstand verstehen zu wollen ist wie der Versuch, Feuer mit Feuer zu löschen oder das Meer mit Wasser zu trocknen.

 

Das Messer kann sich selbst nicht schneiden und die Waage sich selbst nicht wiegen. Doch die Augen können sich selbst in einem Spiegel sehen und erkennen. 

 

Ryokan schrieb keine Gedichte, Dogen kam von China nie zurück. Geleitet durch das Unbeschreibare, geht jedes Phänomen seinen Weg. 

 

Die Pflaume ist vom Baum gefallen, da sie schon lange reif war. Aber die Verbundenheit mit den Wurzeln bleibt bestehen. 

 

Der Fluss des Lebens verzweigt sich in viele Nebenflüsse bis er ins Meer fließt. Aber die reine Quelle strömt im ewigen Augenblick. 

 

Kehre zurück zur Quelle und lass Dich nicht von Bächen und Tümpeln in die Irre führen. Bedenke die Wurzel, wenn

im Herbst die Blätter von den Zweigen fallen. 

 

Wenn auch nur einer unter Tausend die Tiefe hinter den Worten versteht, sind die Verdienste unermesslich. Wenn sich nur einer befreit, sind alle Wesen frei. 

 

Der Weg des Zen, ist ein Weg zu Dir selbst

 

Die Erfahrung der höchsten Wahrheit ist das Erkennen, dass es so etwas wie ein aus sich selbst heraus existierendes „Ich“ nicht gibt. Es gibt Gedanken, Gefühle und Wahrnehmung, aber all diese Dinge geschehen, wie die Verdauung und der Herzschlag, ganz ohne ein „Ich“, das etwas tun müsste damit es geschieht. 

 

Wenn wir uns aber nach einer solchen Erfahrung wieder auf das Spiel der Gedanken einlassen, findet erneut eine Identifikation mit dem Ego-Verstand statt. Wir können niemals wissen was wir sind. Wir können nur tief erfahren, was wir nicht sind. 

 

Die Identifikation mit dem Ego-Verstand und diesem Körper-Geist-System ist die Wurzel aller Täuschung. Das was wir sind, ist die Quelle des Sein, der Stille Beobachter hinter allem Wandel. Doch kann sich Gewahrsein nicht selbst gewahr sein, so wie sich ein Messer nicht selbst schneiden kann, weil es eins ist.

 

Ryokan war ein berühmter Zen-Meister, dessen Gedichte auch schon zu Lebzeiten hoch geachtet und anerkannt waren. Zen-Meister Dogen war es, der im Jahr 1227 von Japan nach China reiste, um den wahren Buddhismus zu suchen. Dort stieß er auf das Chan, das nach seiner Rückkehr nach Japan, den Namen Zen bekam. 

 

Doch das gehört zur Ebene der relativen Wirklichkeit, in der die Dinge getrennt und unterschiedlich zu sein scheinen, der Ebene von Shiki. 

 

Aus der Sicht der höchsten Wahrheit, aus der Sicht von Ku, geschehen alle Dinge nur durch wechselseitige Abhängigkeit und es gab niemanden, der Gedichte schrieb oder eine Reise nach China unternommen hat. 

 

Das ganze Universum hat Anteil an den Gedichten Ryokans und der gesamte Kosmos begab sich auf eine Reise. Vom Standpunkt der höchsten Weisheit aus gesehen, gibt es keine Trennung. 

 

So kann auch die Pflaume niemals die Verbundenheit mit der wahren Wurzel allen Seins verlieren. Die Pflaume fällt vom Baum, wenn die Zeit dafür reif ist. Die Reife der Pflaume zeigt sich in Ihrer ewigen Vollkommenheit. 

 

In der Einleitung zu diesem kleinen Büchlein, bin ich bereits auf die Geschichte von Baso und Daibai eingegangen. „Die Pflaume ist reif!“ bedeutet, dass Daibai sein wahres Wesen geschaut und die Identifikation mit der Täuschung aufgegeben hat. 

 

Er hat seine eigene Natur gefunden und selbst wenn sein Lehrer seine Lehre ändert, bleibt Daibai bei der von ihm erkannten Wahrheit seines eigenen Wesens. 

 

Diese Wesensnatur, ist das Wesen aller Menschen. Es gibt in jedem Phänomen den Aspekt von Form und Wesens. Ein Fluss kann viele verschiedene Formen annehmen bevor er ins Meer fließt: mal fließt er schnell, mal fließt er langsam, mal rechts herum, dann links herum, mal breit, mal schmal. Doch sein Wesen ist das Wasser. 

 

Das Wesen des Wassers ist Leerheit. Das ist die reine Quelle von der alles ausgeht. Zu dieser Quelle zurück zu kehren bedeutet, die Nebenflüsse, Tümpel und Bäche als den Ausdruck der Quelle, aber nicht als die Quelle selbst zu erkennen. 

 

Und doch gibt es keine Trennung zwischen Quelle und Fluss, zwischen Fluss und Wolken, zwischen Wolken und Regen usw. Wer zu dieser Erkenntnis durchdringt, sieht die Welt mit anderen Augen. 

 

Es ist ihm nicht mehr möglich, nicht in allem was ist, Gott zu erkennen. Selbst in den Dingen, die unser Verstand nicht mag und ablehnt, erkennen wir die eine höchste Wahrheit des Seins. 

 

Wir erkennen die Wurzel allen Seins in dem göttlichen Prinzip der Leerheit. Im Zen sagt man, dass nur einer unter Tausend Schülern das Erwachen verwirklichen kann. 

 

Das liegt vermutlich daran, dass nur einer unter Tausend die tiefe Sehnsucht nach wirklicher Befreiung in sich trägt. 

 

Wer wirklich frei sein will und bereit ist dafür zu sterben, wird die Erleuchtung verwirklichen. Aber was stirbt, ist die Identifikation mit etwas, das wir nicht sind und nie waren. 

 

Was stirbt ist die Illusion unseres Verstandes, irgendetwas tun zu müssen, um tiefen Frieden und stille Freude zu erfahren. Wenn einer unter Tausend erwacht, bedeutet das aber auch, dass der Weg weiter gegeben wird wie es schon seit über 2.500 Jahren geschieht. 

 

Aus diesem Grund jubelt das Universum wenn ein Mensch das Erwachen verwirklicht und bereit ist, es mit allen Wesen zu teilen. Das Erwachen geschieht niemals allein. 

 

Gemeinsam mit allen Wesen verwirklichte Buddha das Erwachen als er den Morgenstern erblickte. Das Gefühl des unbegrenzten Friedens und der Solidarität mit allem was ist, ist der Ausdruck unseres wahren Wesens, auf der Ebene der relativen Wirklichkeit. 

 

Aber wir dürfen diesen Ausdruck nicht mit unserem wahren Selbst verwechseln und anfangen uns an diesen Frieden zu klammern. 

 

Wir müssen ein für allemal erkennen, dass wir diesen Frieden niemals erlangen können. Denn wir sind bereits dieser Frieden. Es gibt nicht uns und diesen formlosen Raum des Friedens, in den wir eintauchen. Wir sind dieser Raum unbegrenzten Friedens. Wir können diesen Frieden niemals verlieren, weil wir selbst dieser Frieden sind! 

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Hannya Shingyo Teil 5

Im fünften Teil des Hannya Shingyo geht es nicht um das Ziel der Praxis, sondern darum, was hier und jetzt innerhalb der Praxis verwirklicht werden kann: 

 

 

„Dank dieser Weisheit, die über all dies hinausführt, gibt es für den Bodhisattva weder Angst noch Furcht. Alle Illusionen und jegliches Haften und Festhalten sind beseitigt, und er kann das höchste Ziel des Lebens, das Nirvana, erreichen. 

 

Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlangen durch diese Lehre das Verständnis der höchsten Weisheit, das höchste Satori.“ 

 

Der Mensch, als Gefangener seiner Illusion, ein von den anderen getrenntes und unabhängiges „Ich“ zu sein, verliert jede Angst vor seiner Vergänglichkeit und erkennt sein wahres Selbst, das ungeboren und unsterblich ist. 

 

Wer könnte etwas gewinnen oder verlieren, wenn das vermeintliche „Ich“ nur eine Täuschung ist? Das nicht mehr Anhaften müssen an angenehmen und das Ablehnen von unangenehmen Umständen, führt zur Freiheit gegenüber dem Ego-Verstand mit dem wir uns identifizieren. 

 

Buddha ist, wer diese Wahrheit erkannt und im Leben integriert hat. Alle Buddhas erfahren das Erwachen durch diese, im Grunde simple Erkenntnis. 

 

Doch bis zu diesem Erwachen, bleibt die Wahrheit komplex und paradox, da der Ego-Verstand versucht, sie in ein Konzept zu packen. 

 

Doch wir sind nicht der Ego-Verstand. Das was wir sind, können wir allerdings auch nicht wahrnehmen und müssen es auch nicht. Denn das Messer kann sich selbst nicht schneiden und eine Waage nicht ihr eigenes Gewicht wiegen. 

 

Die Augen aber, die alle möglichen Dinge sehen können außer sich selbst, können sich in einem Spiegel sehen und erkennen. 

 

Dieser Spiegel ist, für unser Bewusstwerden über die wirkliche Natur der Dinge, die stille Praxis der Achtsamkeit wie sie seit 2500 Jahren von Meister zu Schüler, von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz weitergegeben wird. 

 

Aus dem Buch „Der Geschmack des Schattens einer Pflaume“

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Wie wir Leiden transformieren

Warum leiden wir?

 

Wenn hier von Leiden gesprochen wird, ist nicht die Rede von Schmerzen oder Krankheit. 

 

Buddha sprach vom Leiden als einem Zustand, indem wir getrennt sind von dem was wir wollen oder vereint sind mit dem was wir nicht wollen. 

 

Er nannte die drei Geistesgifte "Gier, Hass und Verblendung" als Ursache des Leidens. Im übertragenen Sinne Anhaftung an das, was wir wollen, Ablehnung von dem, was wir nicht wollen und die Identifikation mit dem Körper-Geist-System als Grundlage der erstgenannten.

 

Woran wir aber in Wahrheit leiden ist nicht die Sache an sich. Es ist immer nur die Idee oder Vorstellung, dass die Situation, der körperliche oder geistige Zustand in dem wir uns befinden anders, schöner, irgendwie besser sein sollte, als er ist. 

 

Durch die Spannung zwischen dem wie es ist und der Vorstellung des Ego-Verstandes wie es sein sollte, entsteht Leiden. Könnten wir die Vorstellung wie es sein sollte, ja wie es sein müsste, für einen Augenblick fallen lassen, ist da keine Spannung mehr. 

 

Ohne diese Spannung wären wir in Frieden mit dem Augenblick - einfach wirklich eins mit dem Augenblick Hier-Jetzt.

 

Die meisten Menschen verbringen ihr Leben im Leiden. In permanenter Spannung zwischen dem was ist und dem was sein könnte.

 

Da wir uns, und oft ausschließlich, für den Ego-Verstand halten, völlig identifiziert sind, sind es "meine" Ideen, "meine" Vorstellungen von richtig und falsch, "meine" gedanklichen Konzepte wie die Welt zu sein hat.

 

Wenn sich die Identifikation mit dem Ego-Verstand aufzulösen beginnt, zum Beispiel durch die Praxis von Zazen, lösen sich auch die gedanklichen Konzepte auf.

 

Sie erhalten keine Macht mehr, werden als Illusion erkannt und es kann wahre Freiheit verwirklicht werden oder besser:

 

Freiheit verwirklicht sich selbst!

 

Das Selbst erwacht zu sich Selbst und sieht die Welt, vielleicht zum ersten Mal, wie sie wirklich ist. 

 

Nicht dass wir als Person dann keine Schmerzen mehr wahrnehmen, Gefühle von Wut, Angst oder Trauer erfahren würden. Aber die Identifikation ist vorüber und so bleibt Wut Wut und Angst Angst.

 

Es ist nicht mehr "meine Wut". Ich ergreife das Gefühl nicht, ich verdränge das Gefühl nicht und so wird alles einfacher, leichter und friedvoll.

 

Leiden zieht vorüber wie Wolken am Himmel. Den Himmel stört es nicht, ob da viele Wolken oder wenige Wolken da sind. Der Himmel, völlig unberührt, bleibt immer nur der Himmel.

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Hannya Shingyo Teil 4

Der Text geht weiter mit einer Reihe von Verneinungen: „Dort gibt es weder Wissen noch Unwissenheit, weder Illusion noch Auslöschung der Illusion, kein Altern, kein Tod, noch die Beseitigung von Altern und Tod, keine Ursache des Leidens, keine Auslöschung des Leidens, es gibt dort weder Erkenntnis noch Gewinn, noch Nicht-Gewinn.“

 

Buddha erklärte in seiner ersten Predigt, dass es vier Wahrheiten gibt, die er durch seine Erfahrung des Erwachens tief verstanden hatte. Dies sind „Die Wahrheit vom Leiden“ bezogen auf die Vergänglichkeit aller Existenzen in Form von Krankheit, Alter und Tod. Das Leiden bezieht sich aber auch auf alle Ereignisse die wir ablehnen und das getrennt Sein von dem, was wir lieben und behalten wollen. Eben auf die sich ständig verändernde Welt der Phänomene im Inneren und im Äußeren.

 

Die zweite Wahrheit bezieht sich auf die Ursache des Leides in Form von Unwissenheit. Die Unwissenheit und die damit verbundene Identifikation mit der Illusion eines „ich“ und dem daraus entstehenden Anhaften oder Ablehnen von bestimmten Ereignissen verursacht Leiden. Buddha nannte dies die drei Geistesgifte: Unwissenheit, Gier und Hass, also Anhaftung und Ablehnung.

 

In der dritten Wahrheit macht er darauf aufmerksam, dass wenn die Ursachen für das Leiden verschwinden, folglich auch das Leiden verschwindet. Mit dieser Wahrheit ließ er alle erkennen, dass es möglich ist, einen dauerhaften vom Leiden befreiten Zustand zu erreichen bzw. das schon immer vorhanden sein dieses Zustands zu verwirklichen. Er nannte dies Nirvana, was so viel wie „erlöschen“ bedeutet. Erlöschen der Illusion eines „Jemanden“, der irgendetwas erreichen oder erhalten muss, um glücklich zu sein.

 

Er erklärte in der vierten Wahrheit, dass es einen Weg gibt, der zum Erlöschen und damit zu einem bedingungslosen Verweilen in Freiheit vom Leiden, freudiger Gelassenheit und Ruhe führt.

 

Der oben genannte Textausschnitt bezieht sich auf diese vier edlen Wahrheiten und besagt, dass es in der undefinierbaren Leerheit diese vier Wahrheiten nicht gibt. Er verneint also die erste Predigt Buddhas und lehnt eine Erklärung durch Worte schlichtweg ab. Die höchste Wahrheit kann nicht mit Worten ausgedrückt oder durch den autonomen Verstand geklärt werden. Es ist die reine Erfahrung der Tatsache, dass es so etwas wie ein aus sich selbst heraus existierendes „ich“ nicht gibt.

 

Es gab nie einen „Jemanden“ der die Erfahrung der Erleuchtung gemacht hat. Aus diesem Grund rief Buddha bei seinem Erwachen aus: „Ich habe das Erwachen gemeinsam mit allen Wesen verwirklicht!“ und drehte bei seiner Predigt am Geierberg lediglich eine Blume zwischen seinen Fingern. Das war die eine unaussagbare Wahrheit des Augenblicks.

 

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Hannya Shingyo Teil 3

Wenn Du die ersten zwei Teile noch nicht gelesen hast, dann schau einfach hier auf der Seite oder in meinem Blog.

 

Der nächste Absatz beschäftigt sich damit, was Leerheit nicht ist und lautet wie folgt: „Sariputra, alles Dasein ist seinem Wesen nach leer, es gibt in ihm weder Geburt noch Vergehen, weder Reinheit noch Beschmutzung, weder Zunahme noch Abnahme. Daher gibt es in der Leerheit keine Form und keine Erscheinungen, nicht Augen noch Ohren, noch Nase, Zunge, Körper oder Bewusstsein, keine Farben, Töne, Gerüche, keinen Geschmack, nichts zu tasten, nichts zu denken.“

 

Es spricht weiterhin Avalokiteshvara zu Sariputra, also das Herz zum Verstand oder anders ausgedrückt das Mitgefühl und die Weisheit zum Intellekt und zum Wissen. Wenn alles leer von aus sich selbst heraus existierendem Sein ist, dann gibt es keine Ursache wie die Geburt, für das Dasein eines Kindes, sondern die Ursachen, die zu dieser Geburt geführt haben und die Ursachen dieser Ursachen beinhalten bereits das Potenzial des Kindes. Wenn wir die Ursache der Ursache zurückverfolgen kommen mir nirgendwo an! Das ist, was in diesem Text als Leerheit bezeichnet wird.

 

Aus diesem Grund gibt es innerhalb des Prinzips der Leerheit, also aus der Sicht der höchsten Weisheit, keine Geburt und keinen Tod. Da es kein aus sich selbst heraus existierendes „Ich“ gibt und die Dinge nur durch wechselseitige Abhängigkeit entstehen, gibt es keine Geburt, kein Werden und kein Vergehen. Mit „Reinheit noch Beschmutzung“ ist gemeint, dass es von diesem Blickwinkel aus kein richtig oder falsch gibt. Im Augenblick hier und jetzt, und das ist die einzige Wirklichkeit die real ist, entstehen die Erscheinungen und Phänomene durch ein Zusammenspiel verschiedenster Faktoren und Einflüsse. Jeder Augenblick ist vollkommen. Lediglich der unterscheidende und beurteilende Verstand erzählt uns eine Geschichte über falsch und richtig, bezogen auf unsere Konditionierungen und angelernten Denkmuster.

 

Alles ist in jedem Augenblick vollkommen! Mit „weder Zunahmen noch Abnahme“ ist gemeint, dass niemals etwas verloren geht. Es ist immer nur eine Umwandlung von einem zum anderen. Dies bestätigt die moderne Physik übrigens ebenfalls. Alles ist in Veränderung, aber dadurch wird das Universum nicht mehr oder weniger. Die Oberfläche des Ozeans ist ständig in Bewegung und es gibt kleine und größere Wellen. Aber der Ozean nimmt dadurch nicht zu oder ab.

 

Der Text führt weiter an, dass es, aus vorher genannten Gründen, in der Leerheit keine Formen und keine Erscheinungen gibt. Was wir als unabhängig und aus sich selbst heraus existierend wahrnehmen, ist im Grunde eine Illusion des Bewusstseins und nicht die Wirklichkeit. Ab hier kommen wir an einen Punkt, der nur durch die eigene Erfahrung des Erwachens tief verstanden werden kann. Aber, und darauf geht der Text weiter ein, gibt es innerhalb dieser Erfahrung niemanden der die Erfahrung macht. Es gibt nur die Erfahrung der Leerheit, die nicht mit den Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper oder Bewusstsein) erfahren werden kann und in der es die Sinnesobjekte (Farben, Töne, Gerüche, Formen oder Gedanken) nicht gibt. In dem Augenblick, wenn die Identifikation mit dem Körper, den Gedanken, dem Empfinden, der Wahrnehmung und dem Bewusstsein aufhört, erscheint die Wahrheit, die nie verborgen war. Das ist das offensichtliche Geheimnis. Das ist die Wahrheit des Seins.

 

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Hannya Shingyo Teil 2

Der nächste Abschnitt dieses Textes lautet: “Sariputra, die Erscheinungen sind nicht verschieden von Leerheit, und Leerheit ist nicht verschieden von den Erscheinungen. Die Erscheinungen sind Leerheit und Leerheit ist Erscheinung, und auch Empfindung, Wahrnehmung, Denken und Bewusstsein sind Erscheinung.”

 

Im Gegensatz zu Avalokiteshvara, ist die Existenz Sariputras, der einer der beiden Hauptschüler Buddhas war, geschichtlich belegt. Sariputra wurde, auf Grund seines herausragenden Verstandes und seiner intellektuellen Fähigkeiten sowohl vom Buddha selbst, als auch von den anderen Schülern, sehr geschätzt. So verkörpert Avalokiteshvara im Hannya Shingyo das Mitgefühl und Sariputra den Verstand oder Intellekt. Jede spirituelle Reise ist immer auch eine Reise vom Kopf zum Herzen bzw. zum Bauch. Oder anders ausgedrückt vom Denken zur Intuition und vom Wissen zur Weisheit!

 

Das oben genannte Wort „Erscheinungen“ wird oft auch als Phänomene, Formen oder Körper übersetzt. Es handelt sich dabei um alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge die auftauchen und wieder verschwinden. Eben um alle Erscheinungen, die wahrgenommen werden können. In diesem Textabschnitt sagt Avalokiteshvara, als die Manifestation des Mitgefühls und der Weisheit, zu Sariputra, also dem denkenden Verstand, dass all diese Erscheinungen ihrem Wesen nach nur Leerheit sind. Gleichzeitig ist die Leerheit aber auch alle Erscheinungen. Es ist wie mit einem Blatt Papier: Ohne die Vorderseite kann die Rückseite nicht existieren. Ohne die Wasseroberfläche gibt es keine Tiefe.

 

Was aber ist die Leerheit, die selbst von vielen Buddhisten als Nichts verstanden wird? Bei dem Begriff der Leerheit handelt es sich um ein universelles Prinzip, dass durch die regelmäßige Praxis der stillen Meditation erfahren und tief verinnerlicht werden kann. Es ist das Prinzip des Entstehens in wechselseitiger Abhängigkeit, dass alle Erscheinungen entstehen und vergehen lässt. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Alle Dinge erscheinen auf Grund der Ursache von anderen Dingen, die wiederum nicht aus sich selbst heraus entstanden sind. Nichts in diesem Universum entsteht aus sich selbst heraus. Leerheit bedeutet zum Beispiel, das Feuer nicht existieren kann ohne Sauerstoff und einen Brennstoff wie Holz. Jedoch entstehen Sauerstoff und Holz ebenfalls nicht aus sich selbst heraus. Holz benötigt einen Baum. Ein Baum benötigt Regen, Sonnenschein und einen guten Nährboden. Es benötigt Arbeiter, die den Baum fällen. Vielleicht benötigt es Transportmittel um das Holz zu transportieren. Wenn wir die Dinge auf diese Weise sehen und wahrnehmen, können wir das gesamte Universum in einem einzigen Regentropfen erkennen! Anstatt dieses Prinzip durch das Wort „Leerheit“ zu substantivieren, sollte man eher davon sprechen, dass die Dinge leer von Eigenexistenz sind. Sie sind leer von einem aus sich selbst heraus existierendem Sein. Und somit sind alle Erscheinungen Leerheit und die Leerheit gleichzeitig alle Erscheinungen.

 

Dieses universelle Prinzip trifft aber nicht nur auf die Erscheinungen im Außen zu. Wenn wir uns selbst genau betrachten und in der Meditation hinterfragen, was wir den eigentlich meinen, wenn wir von einem „ich“ sprechen, werden wir feststellen, dass auch Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken und Bewusstsein im ständigen Wandel und leer von unabhängiger Existenz sind. In diesem Sinne gibt es kein „ich“, das aus sich selbst heraus und unabhängig von allem anderen existiert. Das ist die größte Weisheit und gleichzeitig die Einfachheit im transformieren allen Leidens!

 

Aus dem Buch „Der Geschmack des Schattens einer Pflaume“

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Hannya Shingyo Teil 1

 „Der Bodhisattva des großen Mitgefühls übt sich tief und gründlich in der höchsten Weisheit und versteht so, dass der Körper sowie alle Erscheinungen nur Leerheit sind und durch diese Erkenntnis befreit er sich von allem Leiden.“

 

Der Bodhisattva des großen Mitgefühls ist Avalokiteshvara. Bodhisattvas repräsentieren in der indischen, chinesischen bzw. japanischen Zen-Mythologie Wesen, die bestimmte menschliche Fähigkeiten zur Vollkommenheit entwickelt haben. Avalokiteshvara steht für die Fähigkeit des Mitgefühls mit allen Wesen, unabhängig Ihrer Herkunft, Ihres Standes oder Ihrer Lebensart. Im ersten Satz dieses Sutras wird im Grunde das gesamte Sutra erklärt: übe Dich tief in der höchsten Weisheit, dem einfachen “Im-Augenblick-Sein”, ohne Dich von den Erscheinungen wie zum Beispiel den Gedanken mitreißen zu lassen. Sei ganz präsent im Augenblick hier und jetzt, egal ob Du sitzt, gehst oder stehst, bei all Deinen Tätigkeiten.

 

Durch dieses Üben kannst Du erkennen, dass alles unablässig und ganz von allein auftaucht und verschwindet. Gedanken, Gefühle, Wahrnehmung, Bewusstsein und sogar der Körper, sind von einem höheren Blickwinkel aus betrachtet, lediglich Erscheinungen im Augenblick. Sie tauchen auf und verschwinden unablässig, je nachdem mit welchem zeitlichen Rahmen sie betrachtet werden. Selbst ein massiver Berg ist ständig in Bewegung und in Veränderung, auch wenn wir dies nicht deutlich wahrnehmen. Der erste Satz dieses Sutras ergänzt auch sofort, was all diesen Veränderungen zu Grunde liegt.

 

Durch die Leerheit allen Seins, das heißt leer von Eigenexistenz und nur durch das Entstehen in wechselseitiger Abhängigkeit existierend, ist alles ständig im Fluss der Veränderung. Im einen Moment noch da, ist es im nächsten Moment schon vorbei, wenn wir es geschehen lassen, ohne an den Erscheinungen, wie zum Beispiel den Gedanken oder Gefühlen, festzuhalten. Aber gerade dieses Festhalten und die Identifikation mit vergänglichem lässt uns leiden. Doch genau durch diese Erfahrung befreit sich der Bodhisattva von allem Leiden. Denn jeder Mensch kann zu folgender Wahrheit erwachen:

 

Es gibt Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen, Bewusstsein und die Erscheinung des Körpers, aber es gibt kein aus sich selbst heraus existierendes “Ich” in diesen Phänomenen. Die Vorstellung eines unabhängig existierenden “Ichs” ist nur ein weiterer Gedanken, ein weiteres Gefühl, eine Täuschung und Illusion, die wir in der Meditation als unbeteiligter Beobachter wahrnehmen können.

 

Aus dem Buch „Der Geschmack des Schattens einer Pflaume“

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Milarepa - Eine Zen-Geschichte

Milarepa hatte überall nach Erleuchtung gesucht, aber nirgends eine Antwort gefunden, bis er eines Tages einen alten Mann langsam einen Bergfpad herabsteigen sah, der einen schweren Sack auf der Schulter trug. Milarepa wusste augenblicklich, dass dieser alte Mann das Geheimnis kannte, nach dem er so viele Jahre verzweifelt gesucht hatte. „Alter, sage mir bitte, was du weißt. Was ist Erleuchtung?“ Der alte Mann sah ihn lächelnd an, dann ließ er seine schwere Last von der Schulter gleiten und richtete sich auf. „Ja, ich sehe!“ rief Milarepa. „Meinen ewigen Dank! Aber bitte erlaube mir noch eine Frage: Was kommt nach der Erleuchtung?“ Abermals lächelte der Mann, bückte sich und hob seinen schweren Sack wieder auf. Er legte ihn sich auf die Schulter, rückte die Last zurecht und ging lachend seines Weges.

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