Dem Leiden begegnen wie ein Lotus

Am Ende des Gyohatsû nenju, der Rezitation während des Essens auf einem Zazen Tag oder Sesshin, finden wir folgenden wundervollen Text:

 

„Mögen wir in dieser Welt der Leerheit mit der Reinheit eines Lotus im schmutzigen Wasser leben. Nichts übertrifft den unbegrenzten Geist. So verneigen wir uns vor dem Buddha in uns.“

 

Das Symbol der Lotusblume

 

Die Lotusblume ist seit jeher Symbol für den erwachten Geist. Der Lotus wächst in Teichen und Tümpeln, in Mitten von Schlamm und schmutzigem Wasser. Doch egal wie hoch das Wasser steigt, zum Beispiel durch starke Regenfälle, bleibt die Lotusblume immer über der Wasseroberfläche.

 

Es ist eine ähnliche Metapher wie mit dem Himmel und den Wolken. Unser Geist soll sein wie der weite Himmel, dem es egal ist, ob da viele Wolken oder wenige Wolken vorüberziehen. Der Himmel bleibt einfach immer der Himmel und lässt die Wolken unangetastet.

 

Die 4 edlen Wahrheiten

 

Wollen wir dem Leiden begegnen wie der Lotus im schmutzigen Wasser, bedeutet das, das Leiden als das zu erkennen, was es ist. Wir leiden nicht an bestimmten Phänomenen, sondern durch unsere Anhaftung daran. Löst sich die Anhaftung, löst sich das Leiden. Buddha stellte diese Wahrheit in den vier edlen Wahrheiten gleich nach seinem Erwachen dar:

 

1.     Alles bedingte Dasein ist vergänglich und leidvoll.

2.     Die Leidensursachen sind Gier, Hass und Verblendung.

3.     Ohne Ursachen gibt es kein Leiden.

4.     Der Weg zur Beendigung der Ursachen/des Leidens.

 

Kurz gesagt: Wenn sich die Identifikation mit dem Körper-Geist-System auflöst, lösen sich ebenso die Ursachen für Anhaftung und Ablehnung und damit das Leiden bzw. die Identifikation mit dem Leiden auf.

Die Welt verändert sich dadurch nicht. Was sich verändert ist die Perspektive, durch die wir die Welt wahrnehmen.

 

In einem konkreten Beispiel ausgedrückt

 

Unser Partner hat uns nach einem heftigen Streit, bei dem wir nicht einmal mehr wissen um was es ging, verlassen und wir sind allein. In dem Wissen, dass alles bedingte Dasein vergänglich ist, finden wir schon einen gewissen Frieden, aber gehen wir tiefer in die Situation.

 

Das Anhaften an bestimmten Ideen und Vorstellungen wie die Welt zu sein hat (Gier), führte überhaupt erst zu diesem Streit. Es gab unterschiedliche Meinungen und wir waren so identifiziert mit unserer Idee der Wirklichkeit (Verblendung), dass wir den anderen in seiner Welt nicht mehr wahrnehmen konnten (Hass).

 

Du bist der stille Zuschauer

 

Was wäre, wenn wir, wie ein stiller Zuschauer der Situation, die aufsteigenden Gedanken und Empfindungen zwar hätten wahrnehmen können, aber wir uns nicht damit identifiziert hätten. Was wäre, wenn wir einfach, wie die Lotusblume, über der Oberfläche geblieben wären, statt uns vom „Schlamm und Schmutz“ unseres Egos mitreißen zu lassen?

 

Wenn die Identifikation mit dem Körper-Geist-System sich auflöst und weicher wird, fällt es uns in vielen Situationen leichter, einfach präsent zu sein und zu sehen, was da vor sich geht. Wir erkennen die Ursachen für mögliches Leiden in uns selbst und können diese unberührt und unangetastet vorüberziehen lassen.

 

Leiden als Hinweis des Lebens

 

Vielmehr noch wird das Empfinden von Leiden zu einem Indikator, wie ein Alarmton, um zu erkennen, wann wir an bestimmten Ideen und Überzeugungen festhalten. Wann immer wir Leiden empfinden können wir uns selbst fragen: „Woran habe ich festgehalten? Wo fließe ich nicht mit dem Leben mit? Inwieweit will ich die scheinbare Kontrolle nicht aufgeben?“

 

„Mögen wir in dieser Welt der Leerheit mit der Reinheit eines Lotus im schmutzigen Wasser leben. Nichts übertrifft den unbegrenzten Geist. So verneigen wir uns vor dem Buddha in uns.“

 

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