„Zen zu studieren bedeutet sich selbst zu studieren. Sich selbst zu studieren bedeutet sich selbst zu vergessen.“– Dogen

Der achtfache Pfad

1. Die rechte Sicht

 

Die Sicht aus Ku mit der Sicht aus Shiki verbinden, die gleichzeitige Sicht der phänomenalen aber auch wesenhaften Wirklichkeit in der es keine Trennung und kein aus sich selbst entstehendes Ego gibt, ist die rechte Sicht. Wenn wir die Leerheit allen seins, bezogen auf Eigenexistenz und Bedeutung erkennen, dann ist das die rechte Sicht. Die rechte Sicht bedeutet aber auch, hinter die Fassade zu blicken und tiefer zu sehen als es die meisten Menschen tun. Wenn wir mit diesem Blick die möglichen Ursachen für das schlechte Verhalten eines Menschen sehen, können wir ihn so sein lassen wie er ist und akzeptieren ihn in seiner Welt. Der Dalai Lama sagte einmal: "Du kannst die Tat verurteilen, aber nicht den Täter."

 

2. Das rechte Denken

 

Das Hishiryo-Bewusstsein, indem die Identifikation und die Anhaftung an das ständige unbewusste und automatische kritisieren, vergleichen und beurteilen ein Ende hat ist das rechte Denken. Rechtes Denken bezieht sich aber auch auf unsere gedankliche Wertschätzung anderen Menschen und uns selbst gegenüber. Rechtes Denken bedeutet positives Denken. Im mentalen Training wird diese Technik genutzt, um bestimmte Ziele oder Vorstellungen zu erreichen. Bewusstes Denken ist rechtes Denken. Wir sollten stets darauf achten in unserem Geist nur guten, positiven und angenehmen Gedanken Einlass zu gewähren.

 

3. Die rechte Rede

 

Die rechte Rede ist eng verbunden mit dem rechten Denken. Wenn jemand etwas Negatives über sich selbst sagt, wie zum Beispiel: „Ich bin nichts wert und werde es niemals zu etwas bringen!“, dann hat dieser Mensch diesen Satz meist schon etliche Male vorher gedacht und im Geist zu sich selbst gesagt. Vielleicht hat er diesen Satz auch zu oft von seinen Eltern hören müssen. Rechte Rede bezieht sich aber auch noch auf einen anderen, den Geboten im Christentum sehr ähnlichen Aspekt: Nicht lügen! Nicht lügen um sich selbst hervor zu heben oder um anderen zu schaden. Kein Reden nur des Redens wegen, keine nutzlosen Gespräche führen. Aber den anderen nutzen, indem wir ihnen helfen. Damit sind wir schon beim nächsten Punkt.

 

4. Das rechte Handeln

 

Handeln, ohne einen eigenen persönlichen Gewinn zu erwarten. Aus dem Mitgefühl heraus, den anderen Wesen helfen, selbstständig und ganz zu werden mit allen Mitteln, die die Situation erlaubt. Das rechte Handeln bezieht sich aber genauso auch auf das Handeln uns selbst gegenüber. Wie gehen wir mit uns und unserem Körper um? Die Selbstverantwortung steht an erster Stelle. Danach kommt die Verantwortung für alle anderen Wesen. Beim Start eines Flugzeugs wird immer erklärt, dass wir uns bei einem eventuellen Absturz die Sauerstoffmaske zuerst anziehen und uns erst danach um unser Kind oder den Nachbarn kümmern sollen. Ohne selbst schwimmen gelernt zu haben, können wir keinen Ertrinkenden retten oder jemandem das Schwimmen beibringen. Im Grunde geht es bei dem von Buddha aufgestellten Pfaden um Bewusstseinsarbeit. Tue die Dinge wirklich bewusst und achte darauf, wie Du es tust.

 

5. Die rechte Lebensweise

 

Bezieht sich vor allem auf unseren Beruf und unser Verhalten im Alltag. Wenn wir zum Beispiel Waffen verkaufen, Tiere schlachten oder Menschen ausbeuten ist dies nicht die rechte Lebensweise. Unser Verhalten im Alltag muss sich an ethischen, selbst erkannten Richtlinien orientieren. Gleichzeitig bezieht sich die rechte Lebensweise darauf alle Persönlichkeitsanteile und Lebensbereiche zu harmonisieren und miteinander in Einklang zu bringen. Die rechte Lebensweise beinhaltet für mich persönlich auch, die mir zur Verfügung stehenden Talente und Fähigkeiten zu nutzen, um mir selbst und anderen Menschen zu helfen das Leiden zu verringern. Ein weiser Mann sagte einmal: „Wir brauchen in dieser Welt keine Buddhisten. Wir brauchen Buddhas!“

 

6. Die rechte Bemühung

 

Die rechte Hingabe an die Praxis und die Bemühung regelmäßig Zazen zu sitzen und in allen Tätigkeiten des Alltags zu integrieren nannte Buddha die rechte Bemühung. Eine freudige und motivierte Anstrengung ist die beste Grundlage den Weg zu praktizieren. Die rechte Bemühung oder Motivation entsteht aus einem rechten Ziel. Alle Menschen wollen Leiden vermeiden und Wohlbefinden erfahren. Die rechte Bemühung für uns selbst und die anderen bringen wir durch unsere tägliche Praxis, die Teilnahme an Sesshins und im Gespräch mit anderen zum Ausdruck.

 

7. Die rechte Achtsamkeit

 

Achtsamkeit bedeutet in allen Tätigkeiten des Alltags wahrzunehmen, was ich tue, wenn ich es tue. Im Regelfall ist es doch so, dass der Körper hier etwas tut und unser Geist ist längst im Morgen oder verweilt im Gestern. Körper und Geist sollen eine Einheit bilden, indem wir zum Beispiel beim Zazen immer wieder zur Atmung zurückkehren und unsere Aufmerksamkeit auf die Körperhaltung ausrichten, praktizieren wir die rechte Achtsamkeit. Rechte Achtsamkeit bedeutet aber auch, die Aufmerksamkeit von unserem denkenden Verstand abzuziehen, indem wir uns auf unseren Körper und unsere Atmung konzentrieren. Wenn wir in allen Tätigkeiten innerlich ganz still werden und die Aufmerksamkeit auf das richten was wir gerade tun, wird unser Geist ganz von allein zur Ruhe kommen und wir verweilen im freudigen Staunen über die Wunder der Welt und die Erfahrung unserer sechs Sinne. Wie herrlich ist der Duft vom ersten Frühlingstag nach einem langen Winter. Wie wundervoll das Spüren von warmen Sonnenstrahlen auf der Haut oder die liebevolle Berührung eines anderen Menschen. Welch ein Wunder ist die Fähigkeit Farben und Formen im Außen zu erkennen. Spielt es da eine Rolle ob alles Illusion ist? Das Bild das ich sehe, den Geruch den ich wahrnehme ist lediglich eine biochemische Reaktion im Gehirn und dennoch so überaus wundervoll. Wir dürfen dankbar sein, für jedes einzelne Geschenk, das uns das Leben gibt.

 

8. Die rechte Versenkung

 

Rechte Versenkung bedeutet, die Praxis ohne Erwartung oder einen persönlichen Gewinn. Rechte Versenkung heißt aber auch zu praktizieren ohne zu beurteilen. Die rechte Versenkung beinhaltet also die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte des Zazen: Mushotoku und Hishiryo! Die rechte Versenkung in eine Tätigkeit oder auf dem Kissen trainiert unsere Achtsamkeit im Alltag. Wenn ich auf dem Kissen sitze, bedeutet die rechte Versenkung für mich ganz einfach nur zu sitzen. Völlig im Augenblick aufzugehen. Es gibt nichts zu erreichen, wenn wir einfach nur da sind. Wir sind ganz gegenwärtig und präsent im Augenblick, da uns die Gedanken des Verstandes nicht stören. Während Zazen gibt es nichts zu tun, als ganz gegenwärtig im Augenblick zu verweilen und uns an der Freude und Glückseligkeit unseres wahren Wesens zu erfreuen.

 

Aus dem Buch "ZEN - Erleuchtung und andere Missverständnisse"