Die vier Weisheiten oder das spiegelgleiche Gewahrsein Buddhas

Immer mal wieder höre ich den Vorwurf, Zen würde alles so kompliziert darstellen, dabei ist die Wahrheit doch sehr einfach. Wer sich einmal mit anderen buddhistischen Traditionen auseinandergesetzt hat, auch wenn nur oberflächlich, wird schnell feststellen, dass die Bilder, Metaphern und Symbolik zum Beispiel im tibetischen Buddhismus weitaus umfangreicher dargestellt wird als zum Beispiel im Zen. Das nebenstehende Bild stammt übrigens von folgender Seite: https://bit.ly/3gYsoBR

Nehmen wir als Beispiel das Mandala der fünf Weisheitsbuddhas aus dem tibetischen Buddhismus – der Dhyani Buddhas, von denen vieren unter anderem die vier Himmelrichtungen zugewiesen werden und ein Zentrum, in dessen Mitte der fünfte seine Position findet. Jeder dieser Buddhas ist Teil eines Aspektes von Weisheit. Ihnen werden bestimmte Symbole, Handhaltungen, Farben, Gerüche, Skandha und was weiß ich noch zugeordnet. Unter anderem finden wir aber auch die Zuordnung der vier- bzw. fünffachen Weisheit:

 

Die vierfache Weisheit der Buddhas

Die spiegelgleiche Weisheit, die Weisheit der Gleichheit aller Wesen, die Weisheit der unterscheidenden Klarschau, die alles vollendende Weisheit und die universale Weisheit des Dharma, in der die Erstgenannten vereint sind.

Das der jeweiligen Weisheit zu Grunde liegende geistige Übel oder Laster sind der Hass, in Form von Ablehnung und Zurückweisung, die Ich-Sucht in Form von Stolz, die Leidenschaften in Form von Begierden sowie Neid, Geiz und Eifersucht. Zusammengefasst unter das Grundübel der Verblendung und Unwissenheit, wie sie bereits durch Shakyamuni in den 4 edlen Wahrheiten und der zwölfgliedringen Kette bedingten Entstehens gelehrt wurde.

 

In der buddhistischen Psychologie könnte man diese fünf Buddhas mit ihren fünf Weisheiten, Aspekten, Farben und Übeln als Mikroskop sehen, unter dem wir uns selbst als Person beleuchten können, um unseren Illusionen und Täuschungen mehr auf den Grund zu gehen.

 

Aus Sicht des Zen, und da wiederum aus meiner eigenen beschränkten und persönlichen Sicht, möchte ich nun die einzelnen Weisheiten etwas genauer betrachten und darstellen:

 

Spiegelgleiche Weisheit

Die spiegelgleiche Weisheit oder das spiegelgleiche Gewahrsein ist die Praxis von Shikantaza, in der wir nichts besonderes tun, als einfach nur zu sitzen. Spiegelgleich betont den Aspekt unseres Gewahrsein, das die inneren Phänomene wie Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen und Gefühle lediglich wie ein Spiegel reflektiert ohne diese zu ergreifen oder abzulehnen.

 

Ein Spiegel reflektiert die Dinge, die vor ihm erscheinen ohne Unterscheidung. Was auch immer vor dem Spiegel unseres Bewusstseins auftaucht, wird nur reflektiert ohne sich den Inhalt des Bewusstseins zu eigen zu machen. Dies ist die wahre Praxis von Zazen und kann im Erkennen gipfeln, dass „ich zwar das Spiegelbild bin, aber das Spiegelbild nicht ich bin“, wie es ein berühmter Zen-Meister einmal auf den Punkt gebracht hat.

 

Weisheit der Gleichheit aller Wesen

 

Die Weisheit oder das Gewahrsein über die Gleichheit aller Wesen ist der zentrale Aspekt des Hannya Shingyo in dem es heißt: Form ist Leere, Leere ist Form. Alle Wesen und alle Phänomene in dieser bedingten Welt des Daseins sind gekennzeichnet durch das leer sein von Eigenexistenz. Das bedeutet leer sein von aus sich selbst heraus existierendem Dasein und nur durch verschiedene Bedingungen und Ursachen in die Existenz kommend. Leerheit bedeutet nicht, dass nichts existiert! Es bedeutet, dass alle Wesen von gleicher Substanz sind und nur durch das göttliche Prinzip wechselseitiger Abhängigkeit existieren können. Das Gewahrsein für diesen zweiten Blickwinkel auf die Wirklichkeit, den Blickwinkel aus Ku, ist der Aspekt, der durch die Weisheit der Gleichheit aller Wesen zum Ausdruck gebracht wird.

 

Die Weisheit der unterscheidenden Klarschau

 

Wie in den 10 Ochsenbildern, bei denen es am Ende mit leeren Händen zurück auf den Marktplatz dieser Welt geht, so sollten wir nicht nur an der Leerheit und Wesensgleichheit aller Dinge festhalten, sondern auch die Wahrheit der Unterscheidung als wirklich erkennen. Es sind zwei Seiten eines Blattes Papier, bei dem die Vorderseite nicht von der Rückseite getrennt werden kann. Die Weisheit der unterscheidenden Klarschau ist für den Bodhisattva Grundlage, um in dieser Welt der Täuschung zu leben und zu handeln, zum Wohle aller Wesen. Wir benötigen die Fähigkeit gutes Essen von schlechtem Essen zu unterscheiden, um nicht zu erkranken. Genauso benötigen wir die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen Mitgefühl mit den Wesen und aufopferndem Helfersyndrom. Die Weisheit der unterscheidenden Klarschau ermöglicht uns an der Vielfalt der Erscheinungen zu erfreuen, ohne diese Ergreifen und zu etwas eigenem machen zu müssen. Gleichzeitig können Gier, Neid und Eifersucht in Liebe und Mitgefühl mit allen Wesen verwandelt werden.

 

Die alles vollendete Weisheit

 

Diese Weisheit begegnet uns ebenfalls im Hannya Shingyo als Prajna Paramita (sanskrit: Prajna = Höchste Weisheit, reines Gewahrsein; Para = darüber hinaus, jenseits davon; mita = Ufer). Manchmal wird Prajna Paramita auch mit „Vollendeter Weisheit“ ins deutsche übersetzt. Es drückt die Quelle aller Wahrnehmung aus, das reine Gewahrsein, den einen Geist, unser Gesicht vor der Geburt unserer Eltern. Da ist keine Trennung, keine Dualität, keine Einheit, weder Sein noch nicht Sein. Es ist jenseits aller begrifflichen Vorstellungen und jeglicher Merkmale, die darüber aussagbar wären. Warum? Weil ein bestimmtes Merkmal immer auch sein Gegenteil ins Spiel bringt. Sagt man zum Beispiel es ist reines Sein, erscheint sogleich auch der Aspekt von Nicht-Sein und das wäre noch immer Dualität. Selbst zu sagen, dass man nichts darüber sagen kann, ist letztendlich eine Lüge ins Gesicht der Wahrheit. 

 

Die fünfte universale Weisheit

 

Letztendlich können alle Weisheiten als eine Weisheit zusammengefasst werden. Diesen reinen Geist, das letzte Gewahrsein aller Dinge, aufzuteilen in verschiedene Aspekte, Weisheiten, Farben, Tieren, Elementen etc. ist doch wieder nur der klägliche Versuch unseres menschlichen Verstandes das, was unbegreifbar ist und sich jeglicher Erklärung entzieht, irgendwie greifbar und beschreibbar zu machen. Kürzlich kam mir folgende Metapher in den Sinn:


Wenn wir ein Küchensieb vor eine Glühbirne halten, können wir die vielen einzelnen Lichtpunkte auf der Wand sehen. Bedingt durch den Untergrund der Wand scheinen die einzelnen Lichtpunkte ganz individuell und einzigartig zu sein. Sie sind ganz offensichtlich getrennt voneinander, berühren sich nicht, nicht nicht Einheit sondern Vielheit. Hätte ein solcher Lichtpunkt Bewusstsein, wäre er sich also selbst bewusst, könnte er sagen:

„Was fange ich mit meinem Dasein an? Zunächst einmal sollte ich heller leuchten als die anderen, dass könnte mich vermutlich glücklich machen. Vielleicht schaffe ich es auch irgendwie größer zu werden als die anderen, um meiner Vergänglichkeit, wenn das „Licht ausgeht“ zu entkommen. Auf jeden Fall muss ich eine Religion gründen, um den anderen Lichtern zu erklären wie Licht sein in Wirklichkeit funktioniert.“

Der Ego-Verstand ist wie ein Küchensieb, dass die Wirklichkeit in viele unterschiedliche Aspekte unterteilt, Trennung schafft und dann glaubt, eine Ordnung ins Chaos bringen zu müssen. Doch was geschieht im oben genannten Beispiel, wenn wir das Küchensieb einfach fallen lassen?

Alles, der gesamte Raum wird von Licht durchflutet und erscheint hell und klar. Das ist die Quelle, die Ursubstanz, die ich und du in Wahrheit sind. Jenseits von jeglicher Erklärung und Beschreibung, jenseits von allen Merkmalen inklusive dem Merkmal jenseits von allen Merkmalen zu sein. In diesem Erkennen, so scheint es mir, liegt Befreiung. Denn der Ausdruck von diesem Erkennen im Körper-Geist-System Mensch ist Frieden, Freude und Liebe in Form eines Verbundenseins und Mitgefühls mit allen Wesen.

 

Wie immer freue ich mich auf Kommentare unter diesem Blog-Artikel. Vor allem und insbesondere wenn du nicht meiner Meinung bist. Wo bliebe denn da die Spannung, wenn wir nicht unterscheiden würden? Oder natürlich auch, wenn du noch etwas zu ergänzen hast. Vielen Dank.

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Kommentare: 1
  • #1

    Stefan (Freitag, 11 Juni 2021 11:57)

    Das Bild mit dem Küchensieb und der Glühbirne gefällt mir außerordentlich gut, gerade heute, wo mein Körper ein wenig streikt, schafft es Frieden.
    Vielen Dank dafür.