Warum ich Zen-Mönch geworden bin

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Frage per E-Mail, die ich im Zusammenhang mit der daraus entstandenen Antwort hier veröffentlichen darf. Mir wurde durch diese Frage einmal mehr bewusst, warum ich Mönch geworden bin. Aber lies selbst:

 

Lieber Thorsten "Heisan" Schäffer,

 

vielen Dank für Deinen interessanten YouTube-Kanal und Deine Bücher. Sie haben mich auf meinem Weg schon ein Stück gut begleitet. Ich habe lange überlegt ob ich Dich kontaktieren soll und habe es nun doch getan.

 

Ich habe eine Frage an Dich, die eine immer zentralere Bedeutung auf meinem Zen-Weg einnimmt. Ich bin 55 Jahre alt und sitze täglich Zazen seit ca. 3 Jahren. Ich kann wegen einem Beckenschiefstand nicht sehr gut lange im Seiza sitzen und auf dem Stuhl auch nur gut angelehnt. Ich habe mich schon häufig durch mehrere Tage Sesshins gequält, habe aber mittlerweile aufgegeben. Ich war bisher in einer Rinzai Gruppe, aber wir sitzen bei Sesshins 12x40min pro Tag und das packe ich nicht mehr.

 

Mir hat ein Freund eine Rolferin empfohlen bei der er auch in Behandlung ist. Sie kennt Zen und verschiedene andere Meditationsformen und hat mir davon abgeraten weiter zu versuchen mit den Schmerzen zu sitzen. Sie ist der Meinung, die durch die Fehlstellung von Hüfte und Wirbelsäule hervorgerufenen Schmerzen beim langen Sitzen zu transzendieren, wäre fast unmöglich und auch nicht hilfreich für mein Skelett. Ich weiß, dass es in den meisten Zendos nicht gerne gesehen wird, wenn man auf dem Stuhl sitz und schon gar nicht angelehnt. Deswegen die Frage an Dich: Was wäre Dein Rat? Ich kann natürlich allein zu Hause sitzen, aber das ist nicht so einfach. Vielen Dank im Voraus, für die Zeit die Du zum Beantworten brauchst.

 

Lieber …,

 

vielen Dank für Deine Nachricht. Deine E-Mail ist der Grund, warum ich Mönch geworden bin und tue was ich tue, obwohl ich keine offizielle Lehrerlaubnis in Form des Shiho besitze und mich bisher auch nicht um irgendwelche Bestätigungen gekümmert habe.

 

Es macht mich traurig zu hören, dass sich Menschen durch Sesshins quälen, sich irgendwelche Dogmen auferlegen und glauben, dass Befreiung nur im Lotussitz unter großen Anstrengungen möglich ist. Ja, die Praxis des Zazen in Form von Shikantaza ist Grundlage für Erkenntnis, aber nicht in Form von diesen Drogenrausch ähnlichen mystischen Erfahrungen die im Zen Satori oder Kensho genannt werden. 

 

Diese Erfahrungen sind wunderschön und unbeschreiblich, doch schlussendlich hervorgerufen durch intensive Praxis. In meinem Verständnis bedeutet das, dass es noch immer lediglich Erfahrungen in der bedingten Welt des Daseins sind (Samsara), da sie einer Ursache bedürfen. Eines Tages fragte ich meinen Lehrer, ob diese Erleuchtungserfahrungen lediglich die letzte Waffe des Verstandes sind, bevor er gänzlich durchschaut wird. Er antwortete mir mit einem Lächeln auf den Lippen: "Ja."

 

Das wonach wir im Zen und anderen Traditionen streben muss aber ungeboren, unabhängig und unbedingt sein. Es muss immer präsent sein, auch wenn wir es nicht wahrnehmen können. Im Zen nennen wir es Buddha. In anderen Traditionen wahres Selbst, Tao, Gott, Einheit oder Geliebter, wie es die Sufis nennen. Jeff Shore, von dem ich mir gestern ein Video angesehen habe, sagt: "Zen practice is not a state of mind."

 

Wie auch immer... Wenn das, was die meisten Menschen "Erleuchtung" oder "Erwachen" nennen, nur für die Menschen möglich ist, die sich einer harten und strengen Praxis unterziehen können, dann kann es nicht das von Buddha erkannte wunderbare und offensichtliche Geheimnis sein. Es wäre lediglich eine völlig kastrierte und verunstaltete Krücke dessen, um was es im Zen wirklich geht.

 

Es ist schon verrückt, wie schnell der Ego-Verstand aus der Essenz dessen, was alle Weisen als Wahrheit erkannt haben, ein Konstrukt macht, bei dem wir Dank einer strengen Technik oder Methode von A nach B kommen sollen. Echt verrückt...

 

Um aber endlich auf Deine eigentlichen Fragen zu antworten:

 

Wenn in den Zendos das Praktizieren auf einem Stuhl nicht gerne gesehen wird, dann hat der Leiter des Zendos echt ein Problem. Wenn diese Vorstellung allerdings nur in Deinem Kopf existiert und Du ihr glaubst, dann hast Du das Problem. Bei meinen Sesshin (wir sitzen vier- bis fünfmal am Tag für 3x 25 Minuten) und auch bei den Sesshin meines Lehrers Roland Yuno Rech, ist es völlig in Ordnung auf einem Stuhl zu sitzen oder ggf. sogar zu liegen.

 

Ich halte die Praxis in einer Gemeinschaft, auch die etwas intensivere Praxis zum Beispiel auf einem Sesshin, auf jeden Fall für wichtig und ratsam. Dabei geht es aber nicht darum, sich zu quälen und zu kasteien. In meinem Verständnis geht es auch nicht darum, den Schmerz zu benutzen um ihn oder uns zu transzendieren.

 

Die grundlegende Frage ist doch: Wonach suchst Du? Was ist der Urgrund dafür, dass Du seit 3 Jahren täglich Zazen praktizierst?

 

Ich freue mich auf Deine Antwort,

Thorsten

 

P.S.: Da es da draußen viele Menschen gibt, die dieselben grundlegenden Fragen haben wie Du, würde ich gerne Deine Nachricht (ohne Angabe Deines Namens) und meine daraus entstandene Antwort als Beitrag im Blog auf www.heisan-zen.de veröffentlichen. Wäre das für Dich in Ordnung?

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