Zazen - Mit dem Gesicht zur Wand

Vor kurzem fragte mich eine Teilnehmerin, warum wir während Zazen mit dem Gesicht zur Wand sitzen. Das ist eine wirklich interessante Frage, vor allem wenn man bedenkt, dass im Rinzai-Zen die Teilnehmer mit dem Rücken zur Wand sitzen und wenn man die Abbildungen Buddhas sieht, dieser mit dem Gesicht der Welt zugewandt praktiziert.

 

Zunächst ist zu betonen, dass weder das eine richtig noch das andere falsch ist. Vor einigen Wochen sagte mir eine Teilnehmerin eines Zen-Tages, die seit vielen Jahren Rinzai-Zen praktiziert, dass sie noch nie eine solch starke Einsamkeit während der Meditation erlebt habe, wie zu Beginn, als sie sich, statt in den Raum, mit dem Gesicht zur Wand hinsetzte.

 

Vielleicht geht es genau darum

 

Im Soto-Zen sind viele der Handlungen und rituellen Abläufe eine Metapher. Auf der einen Seite, aus diesem einen Blickwinkel, scheinen wir uns, durch die Haltung mit dem Gewicht zur Wand, allein und getrennt von allen andere zu fühlen.

 

Wir konzentrieren uns auf uns und unsere Haltung, werden sehr vertraut mit unseren eigenen Schatten und liebgewonnenen Neurosen. Wir sind getrennt von den anderen und nur auf uns selbst konzentriert.

Dies symbolisiert den Blickwinkel aus Shiki, aus dem Ego heraus, indem die Dinge getrennt und aus sich selbst heraus zu existieren scheinen. Diese Sichtweise ist die der meisten Menschen und einer der Punkte, warum wir Leiden erfahren und auf der Suche nach der Einheit sind.

 

Doch sind wir auch Teil der Gruppe

 

In Wahrheit sitzen wir, trotz des trügerischen Gefühls der Einsamkeit, in einer Gemeinschaft (Sangha). Wir sind Teil dieser Gemeinschaft und, allein durch die Atmung derselben Luft, in Verbindung mit allen anderen Teilnehmern. Gemeinsam erzeugen wir die Kraft der Konzentration, fühlen uns durch die Gemeinschaft getragen und motiviert. Die gesamte Gruppe erzeugt die Atmosphäre im Raum, die so nur durch die Praxis in und mit der Sangha entstehen kann.

 

Dies ist der Blickwinkel aus Ku, der Leerheit allen bedingten Seins, indem Erkenntnis geschieht, dass wir nicht allein und ein getrennt von allem anderen existierendes Individuum sind, sondern nur durch wechselseitige Abhängigkeit existieren können.

 

Shiki ist Ku und Ku ist Shiki

 

Ein zentraler Satz im Hannya Shingyo ist „Form ist Leerheit und Leerheit ist Form“. Diese Erkenntnis scheint sich im Sitzen zur Wand in einer Gemeinschaft von Praktizierenden auszudrücken.

Es ist kein intellektuelles Verstehen, sondern ein praktizieren dieser Erkenntnis. Im selben Augenblick ist Form Leerheit und Leerheit Form – sind wir völlig für uns allein und doch Teil eines großen Ganzen.

Doch wenn wir an einer dieser Sichtweisen festhalten, können wir nicht das Ganze umfassen. Verharren wir in der Erkenntnis, des Getrennt-Seins oder des Eins-Seins, gehen wir in die Irre. Den wie lautet das Mantra am Ende des Hannya Shingyo?

 

„Lasst uns gemeinsam darüber hinaus gehen, darüber hinaus und noch jenseits des Darüber-Hinaus, an das Ufer des Erwachens!“

 

Wirkliche Befreiung geschieht nur, wenn wir beide Blickwinkel transzendieren in der Erkenntnis, dass wir nicht nur Teil eines großen Ganzen sind. Wir sind das große Ganze! Und aus dieser Erkenntnis entsteht Solidarität und Mitgefühl für alle Wesen.

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